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Tagebuch einer Ausbildung Zum DivemasterVon Jasper

Die Ausbildung in Drei Monaten zum Divemaster

Jasper : Ankunft

Hi there, mein Name ist Jasper. Ich komme aus Deutschland, Hamburg um genau zu sein. Eine wunderschöne Stadt. Doch nachdem ich mein Abitur in der Tasche hatte wusste ich nichts mit mir anzufangen. Ich liebe tauchen und reisen, also habe ich mich entschieden beides zu kombinieren. Und hier sitze ich nun, an der Bar des Whispering Palm Resorts auf Sipaway Island, Philippinen. Ich arbeite hier im Tauchcenter, während ich gleichzeitig eine Ausbildung zum Divemaster absolviere. Der Abschied in Deutschland fiel mir leicht. Meiner Mutter nicht so sehr. Tränen, Sicherheitskontrolle, ein letztes Bier, ab zum Gate. Minuten später saß ich im Flugzeug, und fing an mit dem Entertainmentsystem zu spielen. The Clash, „London Calling“ schallte aus meinen Kopfhörern. Um 2.00 Nachts musste ich in Dubai umsteigen. Fünfzehn Minuten Busfahrt über das gigantisches Flughafengelände. Nochmal gefühlte fünfzehn Minuten Fußweg und ich hatte mein Gate erreicht. Zwei Stunden später saß ich im Flieger nach Cebu. Mit jeder geflogenen Meile zog mein altes Leben an mir vorbei. Es fühlte sich gut an frei zu sein, das Vergangene hinter sich zu lassen, nach vorne zu blicken, dem Unbekannten entgegen. 15 Stunden und fünf Filme später trat ich aus dem klimatisierten Flughafen in Cebu City. Eine schwüle Hitzewelle schlug über mir zusammen als ich meinen Fuß zum ersten Mal auf philippinischen Boden setzte. Ich suchte mir ein Taxi und zeigte dem Fahrer die Adresse des Hotels in dem ich die Nacht verbringen würde. Nachdem ich Tauchtasche und Rucksack in den viel zu kleinen Kofferraum gequetscht hatte, schmiss der Fahrer den Motor an und der Wagen düste davon Richtung GV Hotel, Lapu-Lapu City.
Motorisierten Tricycles und bunte, farbenfroh bemalte Jeepneys bahnten sich, begleitet von dem ewigen „Beep-beep“ gedrückter Hupen ihren Weg durch den chaotischen Verkehr. Nachdem sich mein Taxifahrer dreimal verfahren und zweimal nach dem Weg gefragt hatte, war ich endlich an meinem Hotel angekommen. Falls ihr den Film „The Beach“ gesehen habt, könnt ihr euch ungefähr vorstellen wie mein Zimmer aussah. Vier blass rosa Wänden, zwei Betten, kaputter Fernseher, ratternde Klimaanlage und ein Badezimmer. Ich schmiss meine Sachen aufs Bett und machte mich auf um mir etwas zu Essen zu suchen. Die Straßen vibrierten vor Leben, ich fühlte mich wie auf einem anderen Planeten, versuchte in der Menge unterzutauchen und so wenig wie möglich aufzufallen, Straßenhändler verkaufen alle möglichen Dinge, mir unbekannte Früchte und Speisen, getrockneten Fisch, alles an kleinen Buden und Ständen, fremdartige Gerüche lagen in der Luft und zum ersten Mal verstand ich wahrhaftig was das Wort „exotisch“ bedeutete. Ich setzte mich eine der Buden und aß Fleisch am Spieß. Ich wusste nicht was für ein Fleisch ich da aß, geschweige den von welchem Tier es stammten, doch es schmeckte. Kurze Zeit später kaufte ich mir im Supermarkt noch eine Packung Garnelenchips und eine Flasche Wasser. Dann kehrte ich in mein Zimmer zurück und schlief ein. Ich frühstückte im Jollibee, einem philippinischen Fastfoodrestaurant, gegenüber. Yum Burger Menu für ungefähr 50 Peso (0,95 Cents). Der bewaffnete Wächter im Eingang des Restaurants kam mir etwas seltsam vor, doch ich gewöhnte mich schnell daran. Nach meinem bescheidenen Frühstück wurde ich von einem Fahrer abgeholt, dieser brachte mich von Cebu nach Toledo. Von dort aus ging es mit der Fähre nach San Carlos. In San Carlos wurde ich auf einer Banca, einem philippinischen Auslegerkanu nach Sipaway Island gebracht. Dort lud ich mein Gepäck in ein, zum Resort gehörenden Multicab. Ich fuhr vorbei an Holzhütten, wilden Hunde, krähenden Hähnen, Palmen, über eine staubige Straße in Richtung Whispering Palms Resort. Das Resort trug seinen Namen zurecht. Dort angekommen wurde ich auch schon von Oli, dem Leiter der Tauchbasis empfangen.Große Palmen ragten auf dem ganzen Gelände verteilt hoch in den blauen, wolkenlosen Himmel. Nachdem er mir die wunderschöne Anlage, die Tauchbasis, meine Zimmer und natürlich den hauseigenen Zoo gezeigt hatte, ging es erst mal zur Happy Hour an die Bar. Ich trank ein, zwei Cocktails, füllte meinen Magen mit etwas ordentlichen zu Essen und lag kurze Zeit später, völlig erschöpft, doch mit geschpannter Vorfreude auf die kommenden Wochen in meinem Bett.

2te Woche

Jetzt, da ich schon einige Zeit im Whispering Palms Resort verbracht habe, kann ich euch etwas über mein Leben hier erzählen. Im Moment ist noch alles sehr entspannt, denn noch wimmelt es hier noch nicht vor Gästen. Für mich fängt der Tag meistens schon um sieben Uhr morgens an. Ich öffne die Augen, und das Erste was ich höre ist das leise Surren des Ventilators, der mir kühle Luft ins Gesicht bläst. Schnell schalte ich das Teil eine Stufe niedriger. Dann spring ich auf und schalte den gestellten Wecker aus. Nachdem ich mich fertig gemacht habe, geht’s runter zur Bar, wo ich mein morgendliches Frühstück bestelle. Das Omelette hier ist das beste Omelette was ich bis jetzt gegessen habe. So gegen acht machen Oli und ich uns dann auf den Weg zum Tauchcenter. Der Weg dorthin ist ein schmaler Steinweg, der durch die Mangroven führt und bei Hochwasser auch schon mal überflutet werden kann. Am Tauchcenter angekommen bereite ich alles für die anstehenden Tauchgänge vor. Kurze Zeit später legt auch schon der Rest der Tauchcrew mit unserem Tauchboot an. Zusammen laden wir alles aufs Boot, und bauen die Tauchausrüstung zusammen. Dann kommt Andy, unser Stammtauchgast, und bald hat das Boot abgelegt und gleitet über das azurblaue Wasser Richtung Tauchplatz. Obwohl ich bis jetzt schon einige der Tauchplätze gesehen habe, gibt es noch sehr viel zu entdecken. Nach unserem ersten Tauchgang wird erst mal Mittagspause gemacht. Es geht wieder in die Bar für eine Portion selbstgemachter Pommes. Am Nachmittag dann der zweite Tauchgang. Es gibt immer sehr viel zu sehen; majestätisch über das Riff schwebende Feuerfische, buntgefärbte Meeresnacktschnecken, gut getarnte Drachenköpfe, die ein oder andere Weißaugenmuräne, die aus ihrem Versteck herauslugt, Anemonenfische, die auch gerne mal zubeißen, wenn man ihrer Anemone zu nahe kommt, und wenn man Glück und ein gutes Auge hat, entdeckt man sogar die winzigen Pygmäenseepferdchen an ihren Gorgonien hängen. Dies ist natürlich nur ein Bruchteil der Meereslebewesen, die die Riffe und Tauchplätze um Sipaway Island bewohnen. Nachdem der zweite Tauchgang beendet und im Tauchcenter klar Schiff gemacht wurde geht es zurück zum Resort. Die verbleibende Zeit bis zum Abendessen verbringe ich dann fleißig mit lernen für meine Divemaster -Theorie Prüfung. Langsam wird es dunkel, der Wind weht flüsternd durch die Palmen und die Geckos kommen aus ihren Verstecken. Es wird Zeit sich weiter durch die Whispering Palms Speisekarte zu arbeiten. Das Essen ist wie immer köstlich. So gegen acht rum geht es dann, nachdem ich mich in Anti-Moskito Creme gebadet habe, meistens auf ins Bett. Morgen muss ich ja wieder früh raus.

Dritte Woche

Ich habe meine Divemaster Prüfung bestanden. Das ganze Gelerne hat sich gelohnt, und nun bin ich meinem Brevet schon einen kleinen Schritt näher. Doch ich will euch nicht mit der Zeit langweilen in der ich schwitzend in der Bar saß und damit beschäftigt war mir Tauchtheorie in den Schädel zu hauen. Ich war schon immer fasziniert von lokalen Geister – und Schauergeschichten. Und es hat nicht lange gedauert, bis die ersten Stories über seltsame, mythologische Spukgestalten als Gesprächsthema aufkamen. Die philippinische Folklore erzählt von übernatürlichen Kreaturen, die in den warmen Sommernächten durch die Nacht streifen. Und hier gibt es noch viele Menschen, die an solche Dinge glauben. Wenn die Sonne hinter dem Horizont verschwindet und das Licht des Tages langsam verblasst, wenn die Geckos anfangen die Wände hoch zu kriechen und die Geräusche des Dschungels lauter werden, wenn sich schließlich die Dunkelheit über die, sich im Wind wiegenden Palmen ausbreitet, wird es Zeit für all die unbekannten Schrecken durch die Schatten zu schleichen, und sich lauernd auf die Suche nach Opfern zu begeben. Ich habe schon viel vom Wakwak gehört. Eine vampirische, Vogelkreatur, die nachts durch ländliche Gegenden streunt, auf der Jagd nach menschlicher Beute. Man kann diesen geisterhaften Nachtvogel schon von Weitem an seinem Schrei erkennen, der dem Monster seinen Namen gegeben hat. Wenn der Laut des Wakwak klar und deutlich zu hören ist, ist er weit weg von einem, doch wenn der Laut leiser wird nähert sich der Wakwak, und bereitet sich auf den Angriff vor. Ein anderes Wesen ist der Aswang. Ein Ghul, der seine Gestalt verändert kann und sich an dem Fleisch der Toten labt. Ein normaler Bürger am Tage, hat der Aswang die Fähigkeit sich bei Nacht in eine Fledermaus, Vogel, Katze, oder am häufigsten in einen Hund zu verwandeln. Knoblauch, Salz oder religiöse Artefakte sollen jedoch als Verteidigung gegen die Kreatur dienen. Eine weitere Legende erzählt vom Sigbin, nachdem übrigens auch eines unserer Boote benannt ist. Der Sigbin sieht angeblich aus wie ein Känguru mit Hundekopf. Viel mehr konnte ich jedoch auch nicht herausfinden. Zu guter Letzt haben wir noch die Weiße Damen, ein Geist, der sich auch dort wo ich mein Zimmer habe, sein Unwesen treiben soll. Doch bevor ich euch zu viel Angst einjage, lasst euch gesagt sein, dass ich bis jetzt noch keiner dieser Gestalten begegnet bin. Und ich hatte schon einige Nächte, in denen ich alleine durch die Dunkelheit zu meinem Zimmer gegangen bin. Zudem lassen einen die tropische Umgebung, die wunderschönen Tauchplätze, die netten Menschen hier im Resort, und der ein oder andere Cocktail, schnell alle möglichen Schauergeschichte in Vergessenheit geraten. Kein Wakwak, Aswang, oder Sigbin könnte mich von hier vertreiben. Und falls ich doch mal seltsame Geräusche vor meinem Zimmerfenster hören sollte, immer daran denken, dass es sich wahrscheinlich nur um einen schreienden Tokay-Gecko handelt, der versucht mir meinen Schlaf zu rauben.

Vierte Woche

Letzten Sonntag war mein freier Tag. Meine Tauchausrüstung blieb also trocken, und ich musste irgendwie die Zeit totschlagen. Um meine tägliche Routine nicht zu stören, bin ich trotzdem wie immer früh raus aus den Federn. Unten an der Bar gab es dann erst mal ein gemütliches Frühstück. Für heute hatte ich mir überlegt nach San Carlos überzusetzen. Kurz vor elf war ich schließlich motiviert genug mich auf den Weg zu machen. Zuerst musste ich einmal quer über die Insel nach Dap Dap, wo sich die Anlegestelle der Public Boote befand. Die Sonne brannte am strahlend blauen Himmel und der Schweiß lief mir aus allen Poren, als ich mich auf staubiger Straße, vorbei an Palmen und sonstigen tropischen Gestrüpps über San Juan nach Dap Dap kämpfte. Kaum zu glauben, dass bei diesem Wetter im Radio die Weihnachtslieder schon wie verrückt rauf und runter gespielt wurden. Doch es war ja Oktober, ein Bermonat. Die Weihnachtssaison hatte also schon begonnen, und jede Minute bis zum heiligen Abend musste ausgenutzt werden. Begleitet von „Rudolph The Rednose Reindeer“,das aus einem offensichtlich zu laut aufgedrehten Radio trällerte, passierte ich das beschauliche Örtchen San Juan. Auf den Straßen war gerade ziemlich viel los, die morgendliche Gebetszeit war anscheinend vorbei, denn es kamen eine Menge Leute aus der örtlichen Kirche geströmt. Auf Motorrädern flitzten sie an mir vorbei, während ich hoffte den Hafen zu erreichen ohne komplett dahinzuschmelzen. Endlich in Dap Dap angekommen, folgte ich dem schmalen, steinernen Pier bis zur Kaimauer an der die Public Boote festmachten. Ich zuckte zusammen, als ich hinter mir plötzlich ein lautes Hupen hörte. Ich drehte mich um und vor mir stand das Whispering Palms Multicab mit zwei Gästen auf der Ladefläche. Hätte ich mal fünf Minuten länger gewartet. Doch jetzt war es sowieso zu spät, also drückte ich einem der Bancakapitäne fünfzehn Peso in die Hand und sprang auf sein Boot. Kurz nachdem das Boot mit Passagieren voll gepackt war, tuckerte es auch schon über das spiegelglatte Wasser Richtung San Carlos. Der kühle Fahrtwind auf der Haut gab mir neue Kraft, und so schnappte ich mir am Hafen angekommen sofort ein Pedicab, eine Art Fahrradtaxi, und ließ jemand anderen für mich schwitzen. Der Fahrer tat mir jedoch aufrichtig leid, wie er sich neben mir in der Hitze einen abstrampelte,und dementsprechend gab es auch ein großzügiges Trinkgeld als wir am Gaisano, dem Einkaufscenter von San Carlos, ankamen. Vorbei am gelangweilten Guard, der mich mit einem knappen Nicken herein winkte, ging es erst einmal zum Supermarkt. Dort erledigte ich einen kleinen Einkauf, bei dem eine Tüte Garnelen Chips natürlich nicht fehlen durfte. Ab zu einer der vielen Kassen, an denen man trotzdem ewig lange warten musste, bis man denn dann mal mit bezahlen dran war. Doch das ging schon in Ordnung, denn das ganze Gebäude war natürlich voll klimatisiert. Nachdem mein Einkauf ordentlich in einer kleinen, braunen Papiertüte eingepackt wurde, verließ ich das Gaisano und machte mich auf zum Public Markt. Diesmal per Tricycle. Der Markt befand sich in einem großen, steinernen Gebäude, das wenn man es betrat, von innen einem noch größeren Labyrinth ähnelte. Man musste echt aufpassen, dass man sich nicht in den, mit allen möglichen Zeug vollgestopften Gängen verirrte. Ich quetschte mich durch zum Fischmarkt. Hier waren die Gänge etwas breiter, links und rechts erhoben sich Berge von getrocknetem Fisch, und meine Nase füllte sich mit einem strengen Geruch. In der Obstabteilung genau das Gleiche, Tischreihe um Tischreihe bedeckt mit zumeist seltsam aussehenden, mir unbekannten Früchten. Doch es gab eine Frucht, die ich hier schon kennengelernt hatte. Rambutan, verwandt mit der Litchi, sah auch so ähnlich aus nur um einiges behaarter. Ich fragte nach einem Kilo, der mir von einem alten, faltigen Männlein, eingepackt in Zeitungspapier ausgehändigt wurde. Bevor es auf den Rückweg ging, holte ich mir noch an einem, neben dem Public Markt geparkten Straßenstand eine Tüte frittierter Hühnchenstückchen. Das Zeug hätte auch von KFC stammen können, war aber um einiges billiger und schmeckte auch besser. Jetzt aber zurück zum Hafen. Dort angekommen zwängte ich mich auf den letzten Platz eines Public Bootes. Schnell ging es zurück nach Sipaway Island. An der Kaimauer rottete sich schon ein Haufen Leute zusammen um das Boot zu empfangen. Ein Drittel des Haufens begann umgehend mir zu zuwinken und „Whispering, Whispering“ zu rufen. Ich tat einem von ihnen den Gefallen, folgte ihm zu seinem Motorrad und düste kurz darauf auf und davon in Richtung Resort.

Fuenfte Woche

Die Stunden vergehen im Flug, ein Tag reiht sich an den Nächsten, Woche um Woche. Sleep, Dive, Eat, Repeat. Wir haben einen Haufen neuer Gäste bekommen. Eine lustige Truppe, die zum Großteil auch aus Tauchern besteht. So bringen sie Leben nicht nur ins Tauchcenter, sondern in das ganze Resort. Den Tag über beim tauchen, und danach abends an der Bar. Endlich mal was los, und dementsprechend auch viel zu tun. Flaschen schleppen, Ausrüstung vorbereiten, das Tauchboot beladen, tauchen, tauchen, tauchen. Doch obwohl das Ganze schon manchmal ziemlich anstrengend ist, macht es doch auch sehr viel Spaß. Man wird geradezu angesteckt mit guter Laune, mit der unsere Tauchgäste nur so um sich werfen. Jeden Tag wird gesungen. Nach dem Tauchen „Ging Gang Goolie“, und abends, wenn einer die Glocke an der Bar klingeln gelassen hat und vor jeder Nase ein Kurzer steht, erschallt das, mir nun allzu vertraute „Trulala“, das die nächste Runde einläutet. Ich könnte mir keine besseren Gäste wünschen. Dazu kommt noch, dass wir auch einen Tauchneuzugang haben. Ich durfte also bei einem Open Water Diver Kurs assistieren, und somit natürlich auch viel neue Erfahrung sammeln. Den einen Tag ging es mit der ganzen Truppe in die Stadt. Zweimal mit dem Multicab nach Dap Dap, dann mit zwei Public Booten rüber nach San Carlos. Dort ging es dann erst einmal daran ein halbes Dutzend Tricycles zu organisieren. Kurz darauf fuhren wir hupend und singend in einer Tricycle-Kolonne durch die Straßen. Erster Stopp war die Bank. Nach einer guten Ewigkeit waren alle Taschen gefüllt und es ging weiter zum Public Markt. Während Oli versuchte unsere Gruppe durch die engen Gänge zu manövrieren, sonderte ich mich ab um meinen Schuh zu reparieren, der zufällig genau an diesem Tag kaputt gegangen ist. Danach kaufte ich mir noch ein Kilo Lanzones. Eine weiter exotische Frucht, die auf meiner Probierliste stand, aussieht wie eine kleine Kartoffel, und super lecker schmeckt. Schnell schloss ich mich wieder der Gruppe an, die sich in der Zwischenzeit die Kirche von San Carlos angeguckt hatte. Kurze Zeit später quetschten sich alle wieder in ihre Tricycles und wir fuhren weiter zum Gaisano. Dort wurden schon mal ordentlich Halloweenkostüme für die bevorstehende Halloweenfeier eingekauft. Zu Abend gegessen wurde im Restaurant 10/9. Oli hat dann einmal kreuz und quer von der Speisekarte bestellt. Somit bauten wir uns ein kleines Buffet und jeder konnte alles einmal probieren. Vom 10/9 ging es dann zügig zurück zum Hafen, wo auch schon unsere beiden Public Boote auf uns warteten. Es war schon Dunkel, am Horizont braute sich ein Gewitter zusammen, und ab und zu erhellte ein Blitz das tiefschwarze Wasser, das an den Auslegern der Boote entlang rauschte. In Dap Dap versuchten wir unsere Gäste so schnell wie möglich zum Resort zurück zu bringen. Oli und ich waren die Letzten, die noch am Pier standen als es anfing wie aus Eimern zu schütten. Als auch wir wieder zurück im Resort waren wurden wir schon in der Bar erwartet.

Sechste Woche

Heute wurde im Resort eine Taufe und eine Verlobung gefeiert. Und alle waren eingeladen. Ich stellte mich schon am Morgen auf einen lustigen Abend ein. Das ganze fand vorne im Restaurant statt. Schon am Tag zuvor wurde dort ordentlich dekoriert. Zuerst wurde die Taufe bekannt gegeben, dann kam eine Tanzgruppe aus jungen Mädchen und Jungen auf die „Bühne“, um eine Reihe philippinischer Volkstänze aufzuführen. Das Publikum war beeindruckt, und dementsprechend wurde auch viel geklatscht. Dann wurde die ganze Veranstaltung, sehr zur Überraschung der zukünftigen Braut, in eine Verlobungsfeier umgewandelt. Kurz darauf wurde das Buffet eröffnet. Es gab unter anderem Spanferkel, hier „lechon“ genannt. Und glaubt mir, das Spanferkel hier schmeckt nochmal um einiges besser, als das was ich in Deutschland gegessen habe. Natürlich gab es auch noch viele andere Köstlichkeiten, und so waren am Ende alle satt und zufrieden. Danach ging es nach draußen, aber nicht bevor sich unsere Tauchtruppe mit einem lauten „Trulala“ bei unserem Gastgeber bedankt hatte. Die Show war noch lange nicht vorbei. Vor dem Tor erwarteten uns Feuertänzer, Flammen schossen durch die Nacht, vollzogen Drehungen, wurden durch die Luft geschleudert und elegant wieder aufgefangen. Das Spektakel wurde begleitet von einem lauten Trommelwirbel, der auch dann nicht enden wollte, als die letzten Flammen schon erloschen waren. Abgerundet wurde alles mit einem tosenden Feuerwerk, das bunte Blumen in den Nachthimmel zauberte. Ganz zum Schluss knallte dann noch die Konfettikanone. Zurück im Restaurant wurde die Musik an geschmissen. Ich mischte mich unter die Gäste. Später ließen wir den Abend noch in der Bar ausklingen. Als nächstes stand dann Halloween auf der Liste. Die Kostüme lagen schon bereit. Ich hatte mir den Tag vorher eine Clownsperücke und Lippenstift gekauft. Jetzt stand ich bei mir im Badezimmer, in der einen Hand den Lippenstift, in der anderen einen Eyeliner und versuchte mir ein Joker-Grinsen ins Gesicht zu zaubern. Mit dem dumpfen Gefühl, das ich mehr Ähnlichkeit mit einer abgehalfterten Dragqueen hatte, als mit Heath Ledgers Joker, ging ich runter um mir die Kostüme der Gäste anzugucken. Es gab ein Skelett, Hexen, Monstermasken, Narbengesichter und, zu meiner Beruhigung ein Kostüm, das mehr als nur Ähnlichkeit mit einer Dragqueen aufwies. So ging ich also locker als Joker durch. Während die letzten Minuten der Happy Hour ausgenutzt wurden, kam noch eine Mumie die Treppe hoch gewankt. Ich musste zugeben Oli hatte sich echt Mühe gegeben. Gruppenfoto, und ab zum Grillhouse, wo es lecker BBQ plus Spare Ribs zu essen gab. Dort durfte dann auch jeder zum Nachtisch einmal Durian, besser bekannt als Stinkfrucht, probieren. Ich bin der Meinung sie schmeckt nicht viel besser als sie riecht, und ich glaube die meisten Gäste sahen das genauso. Irgendwann war das ganze Gruseln vorbei, und ich ging nach oben um mich abzuschminken und todmüde ins Bett zu fallen.

Siebte Woche

Gestern war der fünfte November. Und wie jedes Jahr wurde am fünften November in San Carlos das alljährliche Pintaflores Fest gefeiert. Das Fest der Blumen. Wir fuhren abends gegen fünf, mit einem Teil der Belegschaft und ein paar Gästen mit unserem Tauchboot nach San Carlos. Die ganze Stadt brummte. Auf den, mit Girlanden behangenen Straßen wimmelte es von Tricycles, voll gepackt fuhren sie in Richtung Festplatz und kamen leer wieder zurück gerauscht, um die nächste Fuhre Passagiere einzusammeln. Nachdem Oli und ich mit den Gästen etwas gegessen hatten, machten auch wir uns, jedoch zu Fuß, auf den Weg zum Fest. Wir liefen ein wenig herum, schlossen uns den Massen an und trieben durch die Straßen. Links und rechts von uns reihte sich ein Zelt an das Nächste. In einigen konnte man sich mit Henna-Farbe bemalen, oder sich gleich ein permanentes Tattoo stechen lassen. Weiter hinten wurde haufenweise Kleidung verkauft, auf die sich die Leute stürzten wie Geier. An jeder Ecke stand ein Händler, der versuchte seine Heliumballons zu verscherbeln. Die Preispanne für einen Ballon reichte von 25 bis zu 85 Peso. Von der Bühne her dröhnte laute Musik. Überall waren kleine Stände aufgebaut, an denen Bier, Snacks, mariniertes Hühnchen, und auch Balut verkauft wurde. Die besagten Stände konnte man an dem Haufen an Eiern erkennen, über denen eine leuchtende Glühbirne schwebt. Es gab dort braune und weiße Eier zu kaufen. Wenn man sich nun für das weiße Ei entschied, hat man schnell gemerkt, dass es sich dabei nicht um ein normales Hühnerei handelte. Sondern um etwas, bei dem die meisten Menschen nicht mal im Traum dran denken würden es auch nur anzurühren. Balut ist ein Ei, mit dem kleinen Unterschied, dass anstatt Eigelb ein fast vollständig ausgebildetes Hühnerembryo in der Schale ist. Das Ei wird angebrütet, aus dem Brutkasten genommen und gekocht. Auf den Philippinen gelten die meist 17 Tage alten Eier als Delikatesse. Sie sollen angeblich stark machen, und die Potenz steigern. Da der Verzehr von einem ungeborenen Hühnerbaby jedoch nicht so schön anzusehen ist, wird Balut nur nach Einbruch der Dunkelheit verkauft. Und selbst dann, sollte man sich nicht zu genau angucken was man da isst, denn Augen, Schnabel und Federn sind meist schon deutlich zu erkennen. Da ich aber nun mal anders bin als die meisten Leute, konnte ich einfach nicht widerstehen, diesen speziellen Snack zu probieren. Zuerst wird ein Stück der Schale entfernt. In das Loch träufelt man dann ein wenig Essigsoße, noch eine Prise Salz oben drauf und dann heißt es „nicht lang schnacken, Kopf in Nacken“. Nachdem man die Flüssigkeit, von der scherzhaft behauptet wird, dass es sich um Pisse handelt, weg geschlürft hat, geht es an die eigentliche Hauptspeise. Ich durfte feststellen, dass diese, wenn man nicht darüber nachdenkt, was man da gerade zwischen die Zähne kriegt, gar nicht mal so schlecht schmeckte. Sehr würzig. Das Ganze rundete ich noch mit einem Schluck aus meinem San Miguel Light ab und langsam fragte ich mich warum sich die Leute so anstellten. Zu Balut würde ich nächstes Mal jedenfalls nicht nein sagen.

Achte Woche

Am Donnerstag habe ich mich entschlossen ein wenig die Insel zu erkunden. Wir hatten nur einen Tauchgang gehabt, und so hatte ich den Rest des Tages frei. Also schwang ich mich auf eines der silbernem Damenräder des Resorts, schulterte meine Kamera und eierte los. Zuerst kam ich nach San Juan. Dort konnte man auf dem Schulhof der Grundschule den gigantischen, Jahrzehnte alten Balete Baum bewundern. Der Balete Baum gehörte zur Gattung der Feigen, und bot mit seinen, nach unten wachsenden und sich zunehmend verbreiternden, tentakelartigen Luftwurzeln, die den Stamm des Baumes bildeten, einen großartigen Anblick. Wenig später machte ich meinen nächsten Stopp. An einem kleinen, weißen Sandstrand, auf dem ein kleines Fischerboot lag. Hinter dem Fischerboot öffnete sich eine Schneise in der Mauer aus Mangrovendickicht, ein Wasserweg, der zur offenen See führte. Dem Strand zugewandt, war an einer Palme, ein aus Brettern zusammen geschusterter Basketballkorb genagelt war. Im Sand pickte eine Henne mit ihren Küken nach etwas Essbaren. Ab und zu raste ein Motorrad vorbei. Von der anderen Straßenseite ertönte lautes Krähen. Dort saßen, auf an Stangen festgemachten Autoreifen ein dutzend, sich wild aufplusternde, gackernde Hähne. Farbenprächtiges Gefieder, gepaart mit spitzen Schnabel und Klauenfüßen. Hähne, die sich später in der Arena beim Hahnenkampf gegenseitig an die Gurgel gehen würden. Ich ließ das Federvieh hinter mir und radelte weiter. Vorbei an Palmen, Jackfruchtbäumen, Holzhäuschen, Schweinen, Hühnern, Ziegen und mir zuwinkenden, kreischenden Kindern. Ich umkurvte den einen oder anderen streunenden Hund, der sich mitten auf der Straße ein Sonnenbad gönnte. Nachdem ich durch eine Plantage aus Bananenstauden gefahren war, kam ich nach Ermita, dem größten Dorf auf der Insel. Ich rollte weiter die Hauptstraße entlang, immer weiter und weiter, bis ich am Ende der Insel angelangt war. Das letzte Gebäude, das man passierte, bevor sich die lange Kaimauer in die Wellen bohrte, war das Basila White Beach Resort. Mir wurde erzählt, dass das Resort einem Franzosen gehört hatte, der von einem Killer platt gemacht wurde, stellte sich heraus, dass seine eigene Frau den Mord in Auftrag gegeben hatte. Der Franzose war also tot, die Frau steckte im Gefängnis und das Resort stand leer. In einer Bucht, vor dem Strand von Ermita dümpelte eine Armada von kleinen Fischerbooten vor sich hin. Ich setzte mich ans Wasser. Am Horizont erhob sich eine Wolken um krönte Bergkette. Wenn man den Kopf ein Stückchen nach rechts drehte, konnte man in der Ferne San Carlos City entdecken. Ich wollte mich gerade auf den Rückweg machen, als sich neben mir ein gewaltiger Hornhecht aus dem Wasser katapultierte, um kurz darauf mit einem lauten Platschen wieder in der Tiefe zu verschwinden. Ich schwang mich also wieder auf mein Rad und trat in die Pedale. Kurze Zeit später wäre ich vor Schreck fast vom Sattel gefallen. Am Straßenrand stand eine Gruppe von Kindern, die mit einem selbst gebastelten Plastikrohr Knaller durch die Gegend schossen. Schnell ließ ich den Gefahrenbereich hinter mir, und fuhr weiter. Aus einigen Häusern ertönte laute Musik, gemischt mit schiefen Karaokengesängen. Auf dem Basketballplatz von Ermita, der vorhin noch verlassen gewesen war, wurde nun ein wüstes Spiel ausgetragen. Irgendwann bog ich links ab, ich war mir ziemlich sicher, dass mich dieser Weg über Dap Dap zurück zum Resort bringen würde. Neben mir trieben zwei Kinder mit Stöcken ihre Reifen über die Straße. Ich folgte einem mit Leuten vollgepackten Tricycle, das langsam vor mir her zuckelte. Und wirklich, kurze Zeit später war ich zurück im Resort, bereit fürs Abendessen.

OBEN